Verbote werden schnell wieder vergessen

von Martina Hahn-Hübner

Wenn Ihr kleiner Krabbler unfolgsam ist und z. B. immer wieder auf die teure Stereoanlage zusteuert, liegt das daran, dass er einerseits von dem Gerät mit seinen Knöpfen und dem leuchtenden Display magisch angezogen wird, sowie andererseits auch daran, dass er Ihr „Nein“ schon im nächsten Augenblick wieder vergessen hat. Neurobiologen haben herausgefunden, dass sich Kinder unter zwei Jahren Verbote nicht merken können, weil sie in der Regel nur für drei bis vier Minuten im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden. Erst dann, wenn das Kind in der Lage ist, den Grund hinter dem Verbot zu verstehen und mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen, kann ein Verbot auch längerfristig gespeichert werden.

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Grenzen: Weniger ist mehr

Um sich optimal zu entwickeln, brauchen Babys eine spannende und abwechslungsreiche Umgebung. Sie müssen sich ausprobieren dürfen und ihre Umgebung erforschen. Es ist Aufgabe von uns Eltern, dafür zu sorgen, dass sie dies gefahrlos tun können. Wenn Forscherdrang und Neugier Ihres Kleinen wieder mal übermächtig sind, ist es oft sinnvoller, Ihr Kind schnell einzufangen und zu versuchen, sein Interesse auf etwas anderes, Ungefährlicheres zu lenken, statt immer wieder ein Verbot auszusprechen. Wenn Ihr Kind z. B. von der Stereoanlage fasziniert ist und Sie diese weder hochstellen können noch wegräumen wollen, könnten Sie Ihrem Kind als Ersatz ein altes Radio oder einen ausgedienten Kassettenrekorder (immer erst Batterien bzw. Stromkabel entfernen!) geben. Dort darf es dann nach Herzenslust an den Knöpfen drehen oder auf Tasten drücken.

So viel versteht Ihr Kleines

Die Wörter „Ja“ und „Nein“ bekommen für Ihr Kind erst gegen Ende des ersten Lebensjahres überhaupt eine Bedeutung. Und bis es anfängt, den Sinn von Regeln und Verboten zu erfassen, dauert es dann noch mindestens ein weiteres Jahr.
Selbst wenn Ihr Kind weiß, was „Nein“ bedeutet, heißt das noch lange nicht, dass es sich auch daranhält Wenn Sie Glück haben, stoppt es auf dem Weg zu diesem interessanten Stromkabel oder der spannenden Blumenvase kurz, blickt Sie an und krabbelt dann weiter. Es könnte ja sein, dass das Verbot heute nicht gilt! Vor allem selbst bewusste Kinder haben oft viel Ausdauer und überprüfen immer wieder, was möglich ist und was nicht.
Es braucht viele Wiederholungen, bis ein Verbot selbstverständlich eingehalten wird. Zudem verbinden Kinder Verbote mit der jeweiligen Person, die sie ausspricht. Wenn bei Mama etwas verboten ist, heißt das für Ihr Kind nicht automatisch, dass es bei Papa ebenso ist. Bei Oma könnte sowieso alles anders sein – und wenn man ganz allein im Zimmer ist, erst recht. Es dauert sehr lange, bis Kinder Regeln so verinnerlicht haben, dass sie sich auch daranhalten, wenn niemand aufpasst.

Quelle: Elternwissen Kompakt, Ausgabe vom 10.07.2019