von Dr. Martina Hahn-Hübner

Rund um das Thema Impfen kursieren viele Behauptungen, die uns Eltern immer wieder verunsichern. Schnell hat man das Gefühl, man steht zwischen zwei Fronten: Auf der einen Seite die der kritiklosen Impfbefürworter, auf der anderen Seite die der kompromisslosen Impfkritiker. Doch viele der gerade von letzteren immer wieder angebrachten Thesen zum Thema Impfen sind definitiv nicht haltbar und gehören ins Reich der Mythen. Ich kläre Sie über die Wichtigsten dieser Impfmythen auf.

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Impfungen überfordern das Immunsystem des Kindes

Das stimmt nicht. Grundsätzlich muss das Immunsystem eines Neugeborenen trainiert werden, es ist im Grunde leer. Dieses Training passiert im Alltag: Von der ersten Lebensminute an, die ein Baby auf der Welt ist, kommt es mit Milliarden Bakterien in Kontakt, die sich in seinem Immunsystem ansiedeln und es so zur Produktion von Antikörpern anregen – gegen alle möglichen Erreger. Dagegen ist die Zahl von Antigenen, die in Impfstoffen enthalten sind, verschwindend gering. Früher enthielt ein Keuchhusten-Impfstoff noch 3.000 Antigene. Heute sind es selbst im Sechsfach-Impfstoff gerade noch 33!

Impfungen führen zu Allergien

Für diese Behauptungen gibt es nur vereinzelte Nachweise, es ist nicht belegt, dass Impfstoffe allergisches Asthma oder Neurodermitis auslösen können. Eine Studie aus dem Jahr 2009, durchgeführt an über 2.000 Kinder, die unter Neurodermitis litten, zeigt, dass es weder eine Verschlechterung des Hautzustandes noch erhöhte Antikörperwerte gegen Allergieauslöser nach den Impfungen gab. Vielmehr trat das Gegenteil auf: Die Ekzeme waren umso weniger ausgeprägt, je häufiger die Kinder geimpft wurden.

Im Gegensatz zur durchgemachten Erkrankung gibt es bei der Impfung nie lebenslange Immunität

Es gibt Erkrankungen, bei denen das stimmt, zum Beispiel bei Windpocken – daher muss bei Impfungen immer auf die rechtzeitige Auffrischung geachtet werden. Auf der anderen Seite aber gibt es Krankheiten, vor denen Sie sich bzw. Ihr Kind nur durch eine Impfung sicher schützen können. Dies sind unter anderem Tetanus, Diphtherie und Polio.

Gegen ausgerottete Krankheiten muss nicht geimpft werden

Es gibt Krankheiten, die in Deutschland als ausgerottet gelten. Hierzu gehört zum Beispiel Polio, Grund dafür sind eben die Impfungen. Die Gefahr: In anderen Ländern sind manche Krankheiten noch „aktiv“. Dies ist zum Beispiel die Diphtherie in den Staaten, die früher die Sowjetunion bildeten. Aktuell könnte Europa auch ein neuer Ausbruch der Kinderlähmung drohen – diese Erkrankung tritt mittlerweile in Syrien gehäuft auf und kann sowohl durch Flüchtlinge als auch Touristen nach Europa eingeschleppt werden. Zunehmende Impfmüdigkeit würde dann für ein erneutes Auftreten auch in Deutschland führen.

Stillkinder bekommen keine Kinderkrankheiten

Das stimmt so nicht. Zwar enthält die Vormilch, das sog. Kolostrum, Antikörper der Krankheiten, gegen die Sie als Mutter entweder geimpft sind oder die Sie selbst durchgemacht haben. In der reifen Muttermilch aber sind nur weniger dieser Antikörper vorhanden, sie reichen nicht aus, um Ihr Kind zu schützen. Spätestens nach sechs bis neun Monaten ist der sog. Nestschutz, der Schutz gegen Krankheiten, verschwunden – zudem gibt es Krankheiten, bei denen es keinen Nestschutz gibt. Hierzu gehört unter anderem Keuchhusten.

Kinderkrankheiten fördern die seelische Entwicklung Ihres Kindes 

Wenn Ihr Kind krank ist, zum Beispiel an Magen-Darm-Infekt, Scharlach, aber auch Erkältungen leidet, verstärken diese Krankheiten die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Kind. Der Grund dafür: Sie sorgen sich, Ihr Kind spürt diese Sorge. Dazu reichen aber diese relativ harmlosen Erkrankungen. Aus Sicht von Homöopathen stellen Kinderkrankheiten einen wichtigen Entwicklungsschritt im Leben eines Kindes dar. Oft wird nach Kinderkrankheiten daher ein Entwicklungssprung beobachtet.

Mit Impfstoffen können gefährliche Krankheiten übertragen werden

Früher gab es in der Tat Impfstoffe, die aus menschlichem Blutplasma gewonnen wurden, zum Beispiel der Hepatitis-B-Impfstoff. Das ist heute nicht mehr der Fall, keiner der Impfstoffe enthält menschliches Blut bzw. Blutserum. Daher ist Ihre eventuelle Sorge, dass sich Ihr Kind durch den Impfstoff zum Beispiel mit Hepatitis B oder HIV infizieren könnte, auch unbegründet.


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